Max Weiler in seinem Atelier in der Akademie der bildenden Künste in Wien, 1966
Foto: Wilhelm Bähr

Auch in Weilers Arbeit markiert das Jahr 1968 eine Phase des Umbruchs. Die Erschütterungen politischer und kultureller Art, die sich europaweit ereigneten, registrierte seine außerordentliche Sensibilität ohne Zögern. Wir finden Bilder, die auf den revolutionären Befreiungskampf in Südamerika reagieren ("Camillo Torres und Che Guevara, zwei Revolutionäre", 1969), wir finden aber auch eine prompte Antwort auf die erste Mondreise des Menschen ("Landschaft am Mond", 1969). Eine derartig kosmisch orientierte Seele wie diejenige Weilers erfuhr durch die ersten technischen Bilder vom nahen Weltraum, von den ersten Bildern und Berichten, welche die Erde als blauen Planeten im schwarzen Himmelsraum als Gestirn unter Sternen erfassten, eine enorme Anregung. Weiler hatte gar keine grundsätzlichen Schwierigkeiten, die neuen technischen Realitäten der Mondfahrt in seine Sprache zu übersetzen. Auf "Abbildung" lässt er sich längst nicht mehr ein, es geht um ein Nachschaffen des Wirklichen, in einem unabhängigen visuellen System, in einem persönlichen Resonanzraum. Das Bild "Andockmanöver" (1969) wählt einen komplexen Vorgang der Weltraumfahrt zum Titel. Was wir sehen ist ein auf ganz andere Weise komplexer Begegnungsprozess, in den gleichwertige, sich organisierende Flecken verwickelt sind, gelbe Kreise auf die sonnenartige Aussendung des Lichtes verweisen, während im Vordergrund eine dunkle Masse den Rand eines Himmelskörpers andeutet, von dem Brocken hochgeschleudert werden. Ein dunkles Himmelsblau ist als Grund gewählt, so wie in der "Landschaft am Mond" eine trostlose Nachtschwärze auf die zukünftigen farbgesättigten Bilder verweist, die er "Landschaften auf tönenden Gründen" nennen wird. Vor dieser inhaltlichen Auseinandersetzung mit besonderen Spitzenereignissen der Zeitgeschichte, in der sich, wie gesagt, der Übergang zu einer neuen Arbeitsphase ankündigt, liegt die Gruppe der insgesamt zwölf "Flügelbilder". Auch für den heutigen Betrachter besitzen sie einen experimentellen Charakter, und insoweit weichen sie von Weilers gewohnter Ausrichtung deutlich ab.

Der kunstgeschichtliche Kontext dieser Malerei besteht in der Idee des "offenen Bildes", wie sie sich in der europäischen und amerikanischen Nachkriegskunst etabliert hatte. Auch andere Künstler experimentierten mit solchen Bildformen, die sich von der Konvention des Rechtecks als Träger und Ort der Malerei verabschiedeten. In der amerikanischen Kunst war seit Beginn der sechziger Jahre, zum Beispiel bei Frank Stella, das Konzept des "shaped canvas" entstanden.

Die "Flügelbilder" aktivieren, was schon lange zuvor zur Realität seiner eigenen Gemälde gehört hatte. Blicken wir auf die Folge "Wie eine Landschaft" oder gar auf das Vorhangbild des Innsbrucker Theaters, dann sehen wir bereits daran, was schon lange zuvor zur Realität seiner Gemälde gehört hatte. Sie weisen offene Farb-Form-Konstellationen auf. Es brauchte deshalb nur einen kleinen Schritt, diese farbige Dynamik auch zum Kriterium der Bildgrenze zu erheben. Die "Flügelbilder" basieren auf der Einsicht, dass die Malerei soweit reicht, wie die Energie der an ihr beteiligten Mittel.

Dieser Aspekt war Weiler seit langem vertraut. Experimentierend darf man aber die Folgen bezeichnen, die sich aus der veränderten Anordnung der Farben ergaben. Das Bildwerk präsentiert sich als ein Körper im Raum. Es lässt sich öffnen, klappen, falten. Tendenziell löst es sich von der Wand und es ist gewiss mehr als eine bloße Metapher, wenn man die "Flügelbilder" auch mit dem Fliegen, dem Flug der Farben, verbindet. Weiler hat diese Werke in den freien Raum gestellt, die Farbe als ein Raumereignis inszeniert, das nur durch ihre Bindung an die Leinwand an die Beschaffenheit des Gemäldes erinnert. Verkörperung der Farbe und ihre gleichzeitige Entkörperung im Raum, mit dieser wechselseitigen Relation lässt sich die Bildergruppe charakterisieren.

Berge mit Purpurhimmel, 1965-68
Eitempera auf Holz und Karton
88 x 62,7 cm
Essl Museum Klosterneuburg/Wien
Die Große Blume, 1968
Eitempera auf Spanplatte und Karton
Grundfläche: 50 x 150 cm
Mit ausgeklappten Flügeln: 210 x 176 cm
Museum Moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien
Die große Landschaftsverwandlung, 1968
Eitempera und Tusche auf Sperrholz und Karton
Grundfläche: 170 x 300 cm
Mit ausgeklappten Flügeln: 305 x 520 cm
Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum, Innsbruck
Kalkgebirge mit farbigen Flügeln, 1967-69
Eitempera, Tusche, Kohle auf Leinwand und Sperrholz
Grundfläche: 200 x 195 cm
Mit ausgeklappten Flügeln: 315 x 200 cm
Privatbesitz
Verstecktes Waldtier, 1968
Eitempera auf Spanplatte und Karton
Grundfläche: 38 x 70 cm
Mit ausgeklappten Flügeln: 122 x 137 cm
Privatbesitz
Im Wald, 1968/69
Eitempera auf Spanplatte und Papier
87,3 x 119 cm
Privatbesitz
Landschaftsveränderungen, 1966
Eitempera auf Spanplatte und Karton
Grundfläche: 62,5 x 88 cm
Mit ausgeklappten Flügeln: 97 x 145 cm
Privatbesitz
Flügelbild im Glaskasten. Die schwebende Erde, 1968
Eitempera auf Karton
83,5 x 83,5 x 16,5 cm
Privatbesitz
Flügelbild im Glaskasten, 1968
Eitempera auf Karton
75 x 61 x 16,5 cm
Privatbesitz
Viele Flügel, 1968
Eitempera auf Leinwand
169,5 x 135 cm
Sammlung Wolfgang Bittermann